Call for Sessions

VI. Forum Kunst des Mittelalters

Sinne / Senses

Frankfurt am Main, 29. September bis 2. Oktober 2021

Die Künste und die Sinne waren schon immer wechselseitig aufeinander bezogen. Im Mittelalter machten Kunst und Architektur unterschiedliche Angebote, die Welt sinnlich zu begreifen und zu ordnen. Das Einverleiben von Farbe byzantinischer Ikonen, das Schwören auf die im Reliquiar eingeschlossenen Reliquien, das Tragen inwendig gestalteten Körperschmucks, das Schwingen goldglänzender Weihrauchfässer, um den heiligen Raum durch Geruch zu markieren, oder das Glockengeläut, um die Nähe Gottes zu vermitteln, lassen keinen Zweifel daran, dass das Mittelalter sinnlich geprägt war.

Wenngleich in theoretischen Abhandlungen die Sinne ausdifferenziert und in ihrem Verhältnis zueinander ausgeleuchtet wurden, lassen sich die Theoreme nur bedingt heranziehen, um den Stellenwert einer sinnlichen Bild-, Objekt- und Raumwahrnehmung zu erschließen. So wurde die Gotteserkenntnis als ein entmaterialisierter Akt beschrieben; dennoch brauchte es die Sinne, um spirituelle Einsicht zu erlangen und zu vermitteln. Seit der Antike wird bei Aristoteles, Platon, Augustinus und Isidor von Sevilla dem Sehen der Primat unter den Sinnen gegeben – eine privilegierte Stellung, die auch die ältere kunst- und kulturhistorische Forschung dem Sehen zuerkannt hat. Erst in den letzten Jahren ist gerade durch Studien zur Materialität deutlich geworden, dass man dem vielstimmigen Erscheinungsbild der mittelalterlichen Künste zu keiner Zeit gerecht werden würde, ginge man von der Dominanz eines der Sinne aus. Die Nahsinne Schmecken und Tasten erweisen sich für das Verständnis der Werke als ebenso essentiell wie die Fernsinne Sehen, Hören und Riechen. Insbesondere an rituellen Ereignissen und höfischen Zeremonien zeigt sich eindrücklich, dass Herstellungspraktiken und Rezeptionsweisen aufs engste mit multisensorischen Erfahrungen verknüpft sind. Die Rolle der Sinne für die Architektur und Ausstattung des sakralen Raums wurde nicht nur im lateinischen Europa und Byzanz, sondern auch in den islamisch geprägten Regionen gezeigt. Und auch für das Verständnis des illuminierten Codex, eines der Leitmedien der mittelalterlichen Kunst, erweisen sich Fragen nach einer erkenntnisgeleiteten Rezeption durch Berühren und fallweise auch Küssen seiner zahlreichen Elemente aus Pergament und Papier, aber auch Textil, Leder und Metall sowie Elfenbein als zentral.

Das 6. Forum Kunst des Mittelalters, welches vom 29. September bis 2. Oktober 2021 in Frankfurt stattfinden wird, lädt dazu ein, über die Rolle der sinnlichen Wahrnehmung in ihrem mittelalterlichen Verständnis sowie dessen Visualisierung und das Zusammenspiel der Sinne in den mittelalterlichen Bild- und Objektkulturen sowie für die Deutung von Räumen und Architekturen im interreligiösen und transkulturellen Vergleich zu diskutieren. Forschungen zu den einzelnen Sinnen und die Art und Weise, wie mit diesen gespielt, wie die sinnliche Wahrnehmung gesteuert, gestört oder auch getäuscht wird, sind gleichermaßen erwünscht wie Sektionsvorschläge, die eine multisensorische, synästhetische Betrachtung von Kunst und Architektur favorisieren. Erwünscht sind ferner Vorschläge, welche die aus dieser Perspektive resultierenden methodischen Herausforderungen erörtern. Welche Möglichkeiten bieten Werkzeuge der digitalen Kunstgeschichte, sich den historischen Wahrnehmungskontexten zu nähern, etwa durch die Erstellung virtueller Realitäten oder die Rekonstruktion oratorischer und auditiver Räume? Die zunehmende multimediale Vermittlung mittelalterlicher Kunst in den musealen Sammlungen wirft schließlich die Frage auf, wie dergestalt die Geschichtlichkeit sinnlicher Zugangsweisen dargestellt werden kann und darüber hinaus sich sogar neue Deutungskontexte erschließen lassen.

Ihre Vorschläge (max. 1 Seite) für Sektionen mit max. zwei Sektionsleiter*innen richten Sie bitte bis zum 1. Juni 2020 an mail@mittelalterkongress.de.

Nach Auswahl der Sektionsvorschläge wird der Call for Papers voraussichtlich im Juli 2020 veröffentlicht.


Organisation:
Kristin Böse und Joanna Olchawa (Goethe-Universität Frankfurt) mit weiteren Partnern in Frankfurt am Main sowie dem Deutschen Verein für Kunstwissenschaft e.V.