Call for Papers

Call for Papers – VI. Forum Kunst des Mittelalters

Sinne / Senses

Deadline: 15. Oktober 2020

Frankfurt am Main, 29. September bis 2. Oktober 2021

(Bitte beachten Sie, dass aufgrund der Covid-19-Pandemie noch nicht entschieden ist, ob das Forum ‚live‘ stattfinden kann, ob es ganz oder teilweise virtuell umgesetzt oder auch verschoben wird.)

Organisation: Deutscher Verein für Kunstwissenschaft e.V. gemeinsam mit dem Kunst-geschichtlichen Institut der Goethe-Universität Frankfurt (Kristin Böse / Joanna Olchawa)

Die Künste und die Sinne waren schon immer wechselseitig aufeinander bezogen. Im Mittelalter machten Kunst und Architektur unterschiedliche Angebote, die Welt sinnlich zu begreifen und zu ordnen. Das Einverleiben von Farbe byzantinischer Ikonen, das Schwören auf die im Reliquiar eingeschlossenen Reliquien, das Tragen inwendig gestalteten Körperschmucks, das Schwingen goldglänzender Weihrauchfässer, um den heiligen Raum durch Geruch zu markieren, oder das Glockengeläut, um die Nähe Gottes zu vermitteln, lassen keinen Zweifel daran, dass das Mittelalter sinnlich geprägt war.

Das 6. Forum Kunst des Mittelalters lädt dazu ein, über die Rolle der sinnlichen Wahrnehmung in ihrem mittelalterlichen Verständnis sowie dessen Visualisierung und das Zusammenspiel der Sinne in den mittelalterlichen Bild- und Objektkulturen wie auch für die Deutung von Räumen und Architekturen im interreligiösen und transkulturellen Vergleich zu diskutieren. Der inzwischen abgeschlossene Call for Sessions ergab eine Vielzahl an Vorschlägen, die sowohl einzelne Sinne in den Blickpunkt rücken als auch eine multisensorische, synästhetische Betrachtung von Kunst und Architektur favorisieren.

Willkommen sind nun Papers (bevorzugt in Deutsch oder Englisch) zu den einzelnen Sektionen. Die Vorträge umfassen in der Regel 20–30 Minuten. Bitte bewerben Sie sich bis zum 15. Oktober 2020 mit einem Abstract (max. eine Seite) auf eine der Sektionen unter mail@mittelalterkongress.de. Die Ergebnisse der Auswahl und das Programm werden voraussichtlich im 1. Quartal 2021 unter www.dvfk-berlin.de und in den einschlägigen Portalen publiziert.

Sektionen

(diese Sektion wird nur in englischer Sprache ausgeschrieben)

Sektionsleitung: Anthony Cutler (University Park) / Glenn Peers (Syracuse)
(Sponsored session: Mary Jaharis Center for Byzantine Art and Culture, Brookline)

Unexamined, touch may strike one as a single directional sensation when human meets object. It makes only the human, who receives the sensation and explains it. Naturally, objects cannot feel or embody tactility in themselves. As Aristotle taught us so long ago, every animated body is tactile, and touch is the evidence of soul. Touch makes the human subject, in ways articulated by Jean-Louis Chrétien, “…far from making the living organism into a mere spectator, [touch] pledges it to the world through and through, exposes it to the world and protects it from it” (The Call and the Response, 85–86).

Moreover, museums, where many of our Byzantine objects reside, keep us exiled from the regime of touch that was deeply embedded in perception and consciousness of all these participants in that historical culture. In these settings, “the contagious magic of touch is replaced by the sympathetic magic of visual representation” (Susan Stewart in Material Memories, 30) and discrete entities circulate in those museum settings, formed and inoculated by vision.

Touch activates and forms feeling subjects on both sides. For example, when tokens of St. Symeon Stylite the Elder were formed from soil that had been in contact with his column and person, the chain of touch linked saint, soil, imprint and distant devotee, each activated by their mutualizing touch across those entities. Makers knew (and know) this mutualizing of touch, too, in the ways working with materials is always a responsive, reciprocal making. The woodworker and basket-maker are each touched by their materials, and each entity is made by and in touch, “through and through.”

Such objects also make meaning for humans through reciprocal touch that expands and extends meanings from other senses. For example, in the eleventh century, Michael Psellus writes that touch bridges worlds and merges matter, as paint and flesh are touched as one, “For the image in no way differs from its model, so it seems to me at any rate. Hence, I have often touched the paint, as I would the body.” Touch ranges and makes relation across matter. Objects, such as ivories and paintings, and buildings and their furnishings, invited touch and made their subjects in the reciprocity of their touch. This is the haptic of the more-than-human totality of touch that this session explores.

This session welcomes proposals that privilege the sense of touch in art-historical analyses of Byzantine objects and attempt to free it from the limited life such analyses conventionally impose. For touch extends through the human and beyond, to encompass all entities in the world, including that special class of historical objects now consigned to museum lives.

Sektionsleitung: Phillipe Cordez (Paris) / Gerhard Lutz (Cleveland)
(Sponsored session: Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris)

Mit etwa 200.000 Einwohnern war Paris um 1300 die bevölkerungsreichste Stadt der westlichen Welt – mit einem bedeutenden Bischofssitz, einer zunehmend zentralisierten und professionellen königlichen Verwaltung, einer großen universitären Gemeinschaft und einem lebhaften künstlerischen und wirtschaftlichen Leben. Diese einzigartige Konstellation von Institutionen, Gemeinschaften und Aktivitäten spielte sich in einem begrenzten Raum ab, auf der Île de la Cité und auf beiden Seiten der Seine, was zu alltäglichen Interaktionen führte. Akteure und Zugereiste – auf den Straßen oder am Fluss, in den Werkstätten und auf den Märkten, in den Kirchen oder im Königspalast – tauchten auf diese Weise in eine reiche sinnliche Landschaft ein.

Parallel dazu war Paris auch ein Ort für Überlegungen und Diskussionen über die Sinne. Am bekanntesten sind die theoretischen Debatten um die Verurteilung aristotelischer Thesen im Jahr 1277, aber auch Peter von Limoges verfasste in Paris seinen „Moraltraktat über das Auge“, Étienne Boileau regelte in seinem „Buch der Zünfte“ Handel und Handwerk und Jean de Jandun lobte in kunstvollem Latein die überwältigenden Eindrücke, die die Stadt hervorrief. Es ist davon auszugehen, dass solche Erfahrungen und Diskussionen im mittelalterlichen Paris die Kulturgeschichte der Sinnessysteme und der damit verbundenen gesellschaftlichen Wert-schätzung wesentlich geprägt haben.

Ausgangspunkt für diese Sektion ist der hydraulisch-musikalische Brunnen im Cleveland Museum of Art. Dieses Gerät aus vergoldetem und emailliertem Silber, das um 1320–1340 in Paris gefertigt wurde, ist ein herausforderndes unicum, für dessen Geschichte vor dem 20. Jahrhundert keine Aufzeichnungen bekannt sind. Eine mögliche Deutung ist, dass es sich um eine multisensorische Evokation des Pariser Königspalastes mit seinen zinnenbewehrten Mauern und Türmen handelt – in Form eines göttlichen Jungbrunnens, der das französische Königreich verjüngen sollte. Um das Verständnis dieses Hauptwerkes und seines breiteren kulturellen Kontextes zu vertiefen, sind Vergleiche und Gegenüberstellungen willkommen. Wir suchen Beiträge, die sich mit der gesellschaftlichen Verbreitung des Aristotelismus und seiner Rezeption in allen Künsten, den städtischen Erfahrungen und Künsten als intellektuellem Anreiz, dem Städtebau und den Stadtlandschaften, der Kunst der Ware, der Goldschmiedekunst, der höfischen bzw. königlichen Kunst, der multi- und intersensorischen Kunst und mit allen verwandten Themen zu Paris und darüber hinaus auseinandersetzen.

Sektionsleitung: Evelin Wetter (Riggisberg)
(Sponsored session: Abegg-Stiftung, Riggisberg)

Textilien – Gewebe, Wirkerei und vor allem die Stickerei – zeichnen sich im Spätmittelalter durch vielfache Bezugnahmen auf andere Gattungen aus. Gestickte oder gewirkte Retabel und Andachtsbilder z. B. erzeugen in ihren jeweiligen Techniken Effekte, die dem Material-illusionismus gemalter Zeugnisse in nichts nachstehen oder sogar noch darüber hinausweisen. Ebenso wetteiferten Maler zumal im 15. Jahrhundert um eine möglichst materialgetreue Darstellung kostbarer Textilien auf Tafelbildern. Alle Sinne sollten stimuliert werden, wenn etwa Illuminatoren die Seiten von Stundenbüchern illusionistisch mit goldgemusterten Seiden auslegten und zugleich haptisch greifbare Schmuckstücke, aber auch Wohlriechendes darauf platzierten. Das Bemühen, auch andere sinnliche Erfahrungen im Kontext der Augentäuschung aufzurufen, ist als Anliegen stets erkennbar. Neben der schieren Prachtentfaltung ging es dabei im Wesentlichen um eine Verlebendigung der Darstellung in den jeweiligen Gattungen: Auf großformatigen Wandbehängen scheinen die Protagonisten so gleichsam unmittelbar aus dem dargestellten Geschehen in die Gegenwart des Betrachters zu treten. In ähnlicher Weise fügt sich ein im Relief goldgestickter Kruzifix auf der Kasel des Zelebranten vor den goldgefassten geschnitzten Altaraufsätzen in ein Wahrnehmungsspektrum, in dem eine Unterscheidung der Gattungen gleichsam aufgehoben ist bzw. einzig auf der pragmatischen Ebene der Herstellung getroffen werden kann.

Bildete die Kunst des Trompe-l’œil ausgehend von den Trauben des Xeuxis mit Blick auf die Autorität des gemalten Bildes ein vielfach beforschtes Feld, so wurde das Thema in den textilen Künsten kaum diskutiert. Dabei ist das für Textilien greifbare Potential der Fragestellung schon in der Geschichte der armen Arachne in den Metamorphosen des Ovid vorgespurt. Hier gilt es anzuknüpfen.

Erbeten werden Beiträge, die die Frage nach der Zielsetzung von Trompe-l’œil-Effekten ins Zentrum stellen. Ausgehend von Beschreibungen des Phänomens in textilen Gattungen, aber auch von illusionistisch dargestellten Textilien in anderen Bildkünsten, gilt es den Beweggrund für die jeweilige Augentäuschung zu erfassen. Zielt der Trompe-l’œil-Effekt allein auf das Vorführen technischer Meisterschaft oder auf eine Verunsicherung des in seinen Sehgewohnheiten überraschten Auges? Wie werden diese Effekte im funktionalen Zusammenhang weltlicher Repräsentationsräume oder auch im Kirchenraum geltend gemacht? Dienen sie im Wesentlichen der Veranschaulichung von Luxus oder wirken sie sich erkenntnisleitend oder gar mit Blick auf eine innere Schau aus?

Sektionsleitung: Elina Gertsman (Cleveland)
(Sponsored session: International Center of Medieval Art [ICMA], New York)

Obwohl wir daran gewöhnt sind, dass im Mittelalter der Sehsinn an erster Stelle stand, beschäftigten sich mittelalterliche Gelehrte aller Couleur geradezu besessen mit Fragen des Geruchssinns. Dieser war vergänglich und flüchtig, aber emotional, spirituell und physiologisch wirkungsvoll und eng mit den humoralen, anatomischen und kognitiven Theorien verbunden. Insbesondere das Gedächtnis konnte durch Gerüche beeinträchtigt werden: Ein übler Geruch, so Avicenna, verursachte eine Krankheit, die die Namen der eigenen Kinder vergessen lassen konnte, während süßlich riechende Parfüms das Gedächtnis stärken und die Hingabe steigern konnten.

Die Sektion möchte die multivalenten Beziehungen zwischen Objekten, Gerüchen und dem Gedächtnis, wie sie insbesondere im späteren Mittelalter bestanden, in den Mittelpunkt stellen. Es soll versucht werden, zwei unterschiedliche Aspekte dieser Beziehung zu erforschen. Einerseits sind Beiträge willkommen, die sich auf visuelle Darstellungen von Gerüchen konzentrieren, wie sie in einem breiten Spektrum in Handschriften und gedruckten Texten von medizinischen Abhandlungen bis hin zu Versdichtungen, von philosophischen Traktaten bis hin zu Enzyklopädien zu finden sind. Auf der anderen Seite sind Beiträge zu Objekten erwünscht, die im Gebrauch den Geruchssinn anregten, wie zum Beispiel Rauchfässer, die während der christlichen Messfeier verwendet werden, ferner jüdische Havdalah-Gewürzbehälter oder besamim, die zum Abschluss des Sabbats zum Einsatz kamen, oder auch Rauchfässer, die bei Empfängen, Veranstaltungen und in Moscheen in der ganzen islamischen Welt gebraucht wurden. Die Beiträge können sich auf spezifische Fallbeispiele konzentrieren oder aber die Verflechtung von Geruch, Erinnerung und Bild in einem breiteren Rahmen der mittelalterlichen Sinneslandschaft thematisieren.

Sektionsleitung: Jiří Fajt (Leipzig / Prag) / Markus Hörsch (Leipzig)
(Sponsored session: Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa [GWZO], Leipzig)

Das ‚Forum Kunst des Mittelalters‘ stellt die Bedeutung aller Sinne, nicht nur des Sehens, für die mittelalterliche Kunst ins Zentrum. Dies bezieht sich vor allem und zu Recht auf rituelle und performative Aspekte, für die Baulichkeiten mit ihrer Ausstattung den Rahmen und Aktionsraum bildeten. Eine Kirche ohne Liturgie, ein Palast ohne höfische Zeremonielle sind letztlich nur repräsentative Rudimente, Zeugnisse der vergangenen Abläufe. In diesem Handlungsraum spielten olfaktorische (v. a. Weihrauch, Spezereien), akustische (Gesang und Musik, Predigt und Rede etc.) wie auch optische (wechselnde Ausstattung und feste Wandzier, Retabel und Grabmonumente) Aspekte ihre jeweilige Rolle. Dieses Ineinandergreifen der Räume vorgebenden Architektur, der davor und darin stattfindenden Handlungen, der Schaffung und Einbindung von beweglicher Ausstattung sowie, nicht zuletzt, von Kleidung soll in der denkbaren Breite das Thema unserer Sektion sein. Für das Mittelalter sind dabei weltliche und sakrale Sphäre kaum zu trennen, ja, es wäre von besonderem Interesse, hier die Möglichkeiten sich gegenseitig ergänzender Formen von Handlungsabläufen und performativer Aspekte zu untersuchen.

Es können Themen aus dem gesamten Forschungsraum Ostmitteleuropa (Baltische Staaten, Polen, Weißrussland, Ukraine, Tschechien, Österreich und östliche Teile des historischen Heiligen Römischen Reichs, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien etc.) und aus dem gesamten Mittelalter gewählt werden. Interessant wäre es, wenn dabei das Augenmerk auch auf spezifische lokale oder regionale Traditionen gelenkt würde, die sich im Vergleich mit anderen Regionen Europas beschreiben lassen. Folgende Aspekte können als Anregung verstanden werden, insbesondere auch ihre Kombination:

  • Rekonstruktion von Abläufen aufgrund von Dokumenten wie z. B. Chroniken, Libri ordinarii, Consuetudines oder Inventaren
  • Rekonstruktion von Abläufen anhand von Nutzungsspuren in Profan- und / oder Sakralbauten oder aufgrund archäologischer Funde
  • Bildliche Dokumentation performativer Akte z. B. in der aktualisierenden Kunst v. a. des späten Mittelalters
  • Die Rolle von Ausstattung im Rahmen performativer Akte (so ist die Kenntnis der konkreten Verwendung z. B. von Altarretabeln im Rahmen der Liturgie noch immer ein Desiderat)
  • Bewertung performativer Akte sakraler und / oder profaner Art durch Besucher, Chronisten etc. und daraus zu erzielende Aussagen über die Frage repräsentativer Notwendigkeiten, kultureller Normen, der Angemessenheit usf.
  • Unterschiede und gegenseitige Beeinflussung durch benachbarte Kulturräume, z. B. der Nachbarschaft der katholischen und orthodoxen Kirchen im Hinblick auf Liturgie und Ausstattung
  • Spezifika, gesellschaftliche Rolle und Bewertung der rituellen Traditionen des Judentums und des Islams in Ostmitteleuropa
  • Verkündigung des Worts: Art, Rolle und Ort der Predigt in Kloster, Kathedrale und Pfarrkirche, nicht zuletzt im Hinblick auf kirchenreformerische Bestrebungen
  • Art und Rolle der (Kirchen-)Musik
  • Prozessionen und andere Handlungen im ‚Freien‘, Einhegung und Markierung von Handlungsräumen, z. B. durch Bildstöcke oder heraldische Setzungen
  • Exequien und Begräbnisrituale in und außerhalb der Kirche.

Sektionsleitung: Michael Grünbart (Münster) / Franz Körndle (Augsburg) / Matthias Müller (Mainz) / Klaus Oschema (Bochum)
(Sponsored session: Mediävistenverband e.V., Münster)

Mittelalterliche Sakral- oder herrschaftliche Profanräume beeindrucken noch heute ganz unmittelbar unsere Sinne aufgrund ihrer besonderen Raum-, Licht- und Klangqualitäten. Wie erhaltene Aussagen mittelalterlicher Rezipienten belegen, wurde diese sinnes- wie körperbezogene Wirkung mittelalterlicher Repräsentationsräume bereits in ihrer Entstehungs-zeit wahrgenommen und kann – mit Blick auf die liturgischen, zeremoniellen und zeichenhaft-symbolischen Funktionen von Kirchen- und Schlossräumen – sogar als ein konstitutiver Faktor gewertet werden. Diese auf eine umfassende Stimulation körperbezogener, visueller wie auditiver Sinneserfahrung ausgerichteten Raumqualitäten erfuhren eine zusätzliche Steigerung durch die in den Räumen sich ereignenden liturgischen oder zeremoniellen Handlungen sowie durch die mit ihnen verbundenen Kunstwerke bzw. Objekte sowie Gesang, Glocken und Musikinstrumente. Auf diese Weise entstanden komplexe Bild- und Klangräume, die bei den Rezipienten zu einem körperbezogenen multisensorischen, synästhetischen Erlebnis führten, das in letzter Konsequenz eine Auflösung und Transzendierung der physischen Sinneserfahrung hin zu einer subjektiv unkörperlichen, spirituellen Erfahrung bewirken konnte.

Zur Generierung und Bedeutung solcher Klangräume hat nicht zuletzt die musikwissenschaftliche Soundscape-Forschung in den letzten Jahren wichtige Ergebnisse vorgelegt. Für das Verständnis der körperlich-seelischen Wirkungsweise von Bildräumen, die mit Hilfe der architektonischen Räume und ihrer bildlichen Ausstattung generiert wurden, sind u.a. die entsprechenden Schilderungen von Abt Suger aufschlussreich, der in seinen Berichten über die von ihm erneuerte Abteikirche von St. Denis die besondere Verschränkung von körperhafter und spiritueller Sinneserfahrung während der Betrachtung des Kirchenraums und der darin aufgestellten Bildwerke als eindrückliches Transzendenzerlebnis schildert. Bei diesem wird die Seele des Menschen sprichwörtlich aus seinem Körper hinausgerissen, um anschließend für eine begrenzte Zeit in einer Zone zwischen Himmel und Erde zu verweilen. Diese Verschränkung von sinnlich-physischer und sinnlich-transzendenter Sphäre gelangt auch in der von Abt Suger gewählten Textform und Terminologie seines Berichts zum Ausdruck, indem er offensichtlich bewusst die Schilderung seiner körperlich-seelischen, im Zusammenspiel von Raum- und Bildwirkung erzielten Grenzerfahrung in theologische Begriffe und paraphrasierte biblische Zitate einkleidet. Die damit aufgeworfene Frage nach dem Realitätsgehalt von Abt Sugers Bericht bzw. dem Verhältnis zwischen einem tatsächlich körperhaften Verständnis von äußeren Sinneseindrücken und einer spirituellen, transzendierenden und von hier aus theologisch deutenden Auffassung beschäftigt die Forschung seit längerem und lässt sich für das 13. / 14. Jahrhundert nicht ohne Blick auf die Körper-Seele-Definition sowie die Visio-Auffassung eines Thomas von Aquin verstehen. Die Beobachtung, dass profane Herrschaftsräume u.a. in Momenten der als multimediale Inszenierung vorzustellenden höfischen Feste des späten Mittelalters strukturell analoge Formen und Effekte aufweisen, lädt zu einer vertieften Untersuchung in vergleichender Perspektive ein.

In der Sektion soll die skizzierte Problemstellung in einem interdisziplinären Zugriff von Kunsthistorikern, Historikern und Musikwissenschaftlern untersucht werden. Die Referenten sind Mitglieder des Mediävistenverbandes e.V., der die interdisziplinäre Diskussion in den Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit stellt.

Sektionsleitung: Ute Engel (Halle) / Andrea Worm (Tübingen)

Die komplexen Zusammenhänge zwischen mittelalterlichen Theorien der Sinneswahrnehmung und der künstlerischen Imagination treten seit einigen Jahren zunehmend in den Blick der kunsthistorischen Forschung. Diese Sektion möchte den Fokus auf die Entwicklungen des Hoch- und Spätmittelalters in England richten. Dort erprobten im 13. und 14. Jahrhundert Gelehrte wie Robert Grosseteste, Bartholomäus Anglicus, Roger Bacon oder William von Ockham, in Auseinandersetzung mit den Schriften des Aristoteles, neue intellektuelle Konzeptionen einer auf „experientia“ basierenden Wahrnehmung der Welt und der Reflexion über den Zusammenhalt des Kosmos. An der Universität Oxford als Zentrum dieser neuartigen „scientia experimentalis“, aber auch an den Kathedralschulen, wurden Tätigkeiten der verschiedenen Sinne analysiert und klassifiziert, die Wirkungen des Lichts und die Zusammensetzung der Farben empirisch erforscht, besonders markant in Untersuchungen zum Regenbogen. Bemerkenswerterweise spielte bei diesen bahnbrechenden Entwicklungen von Theorien zur sinnlichen Wahrnehmung beim Sehen, also der Optik, die Befassung mit der Mystik, also der inneren Schau, eine ebenso wichtige Rolle, waren doch Physik und Metaphysik immer noch eng verbunden.

Wir planen, in dieser Sektion Fragen zu den Interdependenzen zwischen dieser neuartigen Theoriebildung und deren möglichen Manifestationen in Bildern, Artefakten oder Architektur nachzugehen. In welcher Weise werden die theoretischen Konzepte zur Sinneswahrnehmung z. B. in Illustrationen der entsprechenden Traktate visualisiert? Schlagen sich diese Konzepte nieder in Werken, welche die Schau im Spannungsfeld von „visio“ und „speculatio“ implizit oder explizit thematisieren, wie bei der Weltkarte von Hereford? Inwieweit hat die seit dem 11. Jahrhundert feststellbare, im 13. Jahrhundert nochmals gesteigerte Naturbeobachtung und -wiedergabe in der englischen Kunst mit den gewandelten Ideen der Naturphilosophie zu tun? Ist die Innovationskraft der englischen Architektur- und Bildkünste seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als „Gothic Wonder“ (Paul Binski) zu bewerten oder welche Rolle könnte die auf Robert Grosseteste zurückgehende Geometrie des Lichts spielen, wie kürzlich von John Shannon Hendrix anhand der Kathedrale von Lincoln postuliert? Wir möchten zur Diskussion über solche aktuellen Forschungsfragen zum Zusammenhang zwischen mittelalterlichen Theorien der Sinneswahrnehmung, künstlerischer Imagination und den auf Visualität angelegten Künsten anregen, ausgehend von der dynamischen Entwicklung auf den Britischen Inseln, aber auch im Hinblick auf deren Wirkungen auf dem Kontinent.

Sektionsleitung: Gregory Bryda (New York) / Joris Corin Heyder (Bielefeld)

In zahlreichen Beispielen mittelalterlicher Kunst ist die Täuschung der Sinne eine zentrale Qualität des Artefakts beziehungsweise des Rezeptionsprozesses. In unserer Sektion interessieren wir uns daher für alle Phänomene, die mit den eng verflochtenen Begriffen Simulacrum und Synästhesie in Verbindung gebracht werden können. Verstand man unter dem Begriff des Simulacrums seit Plato vornehmlich einen „false claimant to being“ (Michael Camille 2003), wurde er unter dem Eindruck des Aristotelischen ‚Materialismus‘ im 13. Jahrhundert zunehmend rehabilitiert. Simulacra sind notwendigerweise referentiell und in den meisten Fällen wird die Referentialität überhaupt erst durch die Täuschung von Sinnen operationalisiert. Egal ob mit Blick auf Manipulationen von Sinnen bei Kopien des Heiligen Grabes, der olfaktorischen Evidenz für echten oder unechten aber optisch überzeugenden Bernstein, die täuschende Lebensechtheit von Skulpturen oder aber die unzähligen Beispiele für visuelle Simulacra in der mittelalterlichen Kunst – stets scheinen einerseits die materialen, räumlichen oder temporalen Qualitäten von Kunstwerken sowie andererseits das Zusammenspiel unserer sinnlichen Erfahrungen in erheblichem Maße affiziert zu sein.

In einem solchen Zusammenwirken arbeiten unsere Sinne darauf hin, ein Gesamtbild von etwas Gesehenem, Gehörtem, Geschmecktem, Gefühltem oder Gerochenem herauszukristallisieren. Selbst wenn wir bestimmte Praktiken normalerweise mit bestimmten Sinnen verknüpfen, ist es ratsam den Wahrnehmungsprozess auch als ein gesamtheitliches Zusammenspiel aller Sinne zu verstehen. Denn gerade die synästhetische Erfahrung bzw. die simultane Wahrnehmung von verschiedenen sensuellen Stimuli kann getäuscht oder verführt werden. Unser vorrangiges Interesse gilt daher Simulacra, deren als-ob-Charakter und unhintergehbares imitatives Potential durch die Herausforderungen und Hindernisse der sich überlagernden sensuellen Erfahrungen motiviert sind. Uns interessiert ferner, wie synästhetische Erfahrungen in ihren mannigfachen sensuellen Kombinationsmöglichkeiten womöglich sogar selber Simulacra hervorbringen können. Eine erste These lautet, dass besonders solche Simulacra, die von synästhetischen Dynamiken profitieren, dabei helfen könnten, zum weiteren Verständnis von Repräsentation und Mimesis in der mittelalterlichen Kunst beizutragen. Wir freuen uns über Vorschläge zu Vorträgen in englischer oder deutscher Sprache, die etwa dem Verhältnis zwischen Simulacra und synästhetischen Erfahrungen als substituierenden, spielerischen, metaphorischen, korrigierenden, augentäuschenden oder skeuomorphischen Phänomenen in mittelalterlichen Artefakten sowie mittelalterlicher Architektur nachgehen.

Sektionsleitung: Julia von Ditfurth (Kiel) / Hanna Christine Jacobs (Bonn)

Sinneswahrnehmungen werden uns vor allem dann bewusst, wenn sie zeitlich begrenzt sind. Das Ephemere steigert die Konzentration auf den Moment. Im Mittelalter wurden Architekturen und Bildwerke in einmalige oder sich wiederholende, temporär beschränkte Handlungen eingebunden und durch Textilien, Aufbauten oder flüchtige Elemente wie Licht, Klang, Gerüche, Rauch oder Bewegung akzentuiert. Dies fand sowohl innerhalb des kirchlichen wie auch des höfischen oder städtischen Zeremoniells statt. Die Bewegung oder Berührung bestimmter Objekte konnte ein elementarer Teil einer rituellen Handlung sein, der diese erst gültig, das heißt rechtskräftig oder wirkmächtig machte. Ziel der Sektion ist es, anhand überlieferter Objekte und / oder schriftlicher Quellen herauszuarbeiten, wie ephemere Handlungen oder Inszenierungen die Bedeutungsdimensionen mittelalterlicher Kunstwerke verändern konnten. Mögliche Fragestellungen könnten sein:

  • Welchen Einfluss hatte das Ephemere auf die sinnliche Wahrnehmung von Objekten, Handlungen und Handlungsorten durch die Betrachtenden im Mittelalter?
  • Führte die multisensorische Kombination mehrerer ephemerer Elemente zu einer intensiveren sinnlichen Wahrnehmung oder einer Überlagerung von Sinneseindrücken?
  • Werden eine Ambivalenz oder eine Hierarchie menschlicher Sinneswahrnehmungen thematisiert?
  • Spielt der Transitus vom Diesseits ins Jenseits, von einer Sphäre in eine andere, von einem Rang in den nächsthöheren eine besondere Rolle?
  • (Wie) Wird das Ephemere visualisiert, selbstreferentiell verhandelt oder memoriert – jenseits des Ereignisses selbst?
  • Lassen sich ephemere Handlungen an Objekten selbst ablesen (Stichwort Affordanz)?
  • Welches Verlebendigungs- oder Verkörperungspotential wird Artefakten in ephemeren Handlungen und Inszenierungen zugeschrieben (Stichwort Agency)?

Einzelne Fallbeispiele sind ebenso willkommen wie Überblicke über Objektgruppen oder Ereignisse sowie methodologische Reflektionen. Die Vorträge könnten beispielsweise natürliche oder konstruierte Lichtphänomene thematisieren, die nur einmal im Jahr oder zu bestimmten Tageszeiten wahrnehmbar sind. Auch könnten die Verhüllung bestimmter Raumkompartimente oder Bildwerke durch Textilien, die Bewegung von Personen und bestimmter mobiler Ausstattungsstücke oder das Eintauchen eines Raumes oder eines Objektes in Klang und Rauch in den Blick genommen werden. Methodologisch könnten etwa die Herausforderungen untersucht werden, die sich aus dem Einbezug ephemerer Erfahrungen angesichts deren erschwerter bis unmöglicher konkreter Fassbarkeit ergeben. Neben kunsthistorischen sind historische, liturgie- oder musikwissenschaftliche Beiträge ausdrücklich erwünscht.

Sektionsleitung: Gia Toussaint (Wolfenbüttel)

„Deine Ohren werden Augen machen“ – mit diesem gewitzten Spruch wirbt der Sender RBB Kultur um Hörer und weist (unbewusst?) zugleich auf synästhetische Wirkungen des Hörens hin. Dass über das Hören innere Bilder entstehen können, ist nirgends so evident wie in der Mystik. Das auditive Wahrnehmen z. B. von Lesung, Gebet und liturgischem Gesang vermag in einem mystisch begabten Menschen einen ganzen Kosmos innerer Sinneserfahrungen auszulösen. Gleiches gilt für die visuelle Wahrnehmung von Bildern und Bildwerken, die, wie in der Forschung bereits gezeigt wurde, als Stimulanzien einer inneren Schau dienen. Die Schilderungen der so ausgelösten komplexen inneren Sinneserfahrungen von Mystikern sind vor allem in Texten greifbar. Weniger verbreitet sind aus diesen Erlebnissen resultierende Bildzeugnisse. Die Schriften Heinrich Seuses beispielsweise beinhalten Ausführungen über multisensorische innere Prozesse, welche oft eng miteinander verwobene visuelle, auditive, haptische, gustatorische und olfaktorische Erlebnisse beschreiben. Diese Mitteilungen werden dem späteren Rezipienten zwar viel öfter im Medium des Textes als im Medium des Bildes vermittelt. Grundsätzlich aber scheint sich die mystische Bildüberlieferung durch außerordentlich individuelle Darstellungen auszuzeichnen, die sich weitgehend der gängigen Ikonographie entziehen.

Aufzuwerfen ist die Frage, ob und inwieweit es diesen Bildern gelingen kann, einen komplexen inneren Wahrnehmungsprozess abzubilden. Kann eine multisensorisch generierte innere Bildwelt äußere Darstellungen evozieren, die die inneren Wahrnehmungen sichtbar machen? Ist mit einer bildlichen Darstellung nicht immer auch eine Reduktion aller nicht-visuellen Sinne verbunden? Sind deshalb aus mystischem Erleben entstandene Bilder auf erläuternde Texte angewiesen? Oder ist es gerade umgekehrt: Sind äußere, dem mystischen Erleben entsprungene Bilder unabhängig vom Text verständlich? Können sie sogar neue Möglichkeiten multisensueller mystischer Erfahrung erschließen? Diesem in bisheriger Forschung nur anfänglich erkundeten Wechselspiel soll sich die Sektion widmen.

Doppelsektion 11: Schmerz – Repräsentation und Erfahrung

Sektionsleitung: Iris Grötecke (Frechen)

Im Schmerzzustand wird der gesamte Körper zum Sinnesorgan, das sowohl lokal begrenzt als auch in seiner Gesamtheit Schmerzen empfinden kann. Schmerzzufügung, Schmerzempfindung und Schmerzäußerung sind anthropologische Grunderfahrungen, die jeweils einer epochenspezifischen kulturellen Sinngebung unterliegen.

Im Mittelalter war physischer Schmerz ubiquitär: Die Passion Christi und die Heiligenmartyrien deuteten die Schmerzzufügung im Sinne einer Heiligung, Bußrituale folgten dieser Idee. Schmerz konnte als Prüfung (Hiob) oder als Strafe (Höllenqualen) verstanden werden. Die säkulare Gerichtspraxis setzte Körperverletzungen zur Wahrheitsfindung, als Strafe, als Schandmal oder als Demütigung ein. Ritterlicher Zweikampf und Krieg verursachten Schmerz, darüber hinaus wurden Hunger, Krankheiten, aber auch medizinische Eingriffe von Schmerzen begleitet.

Die Sektion 11a fragt danach, welche Funktion die Repräsentationen von Schmerz haben. Das Zeigen intensiver körperlicher Schmerzen und das Verbergen der Schmerzen, die in diesem Fall nur indirekt aus der Bildhandlung oder den Zeichen erlittener Qualen erschlossen werden können, stellen unterschiedliche Deutungen dar. Ebenso interpretieren das emotionslose Ertragen körperlicher Schmerzen oder das Konzept der Schmerzlosigkeit in Situationen, in denen Schmerz zu erwarten wäre (etwa die Geburt Christi in den Visionen der Heiligen Birgitta), die Sinneswahrnehmung sehr unterschiedlich. Willkommen sind Vorträge, die die Strategien des Zeigens, Verbergens, Sublimierens und der Abwesenheit von Schmerz in der Fülle mittelalterlicher Themen untersuchen, oder die neue eigene Analysekriterien zur Diskussion stellen wollen. Im Zentrum der Sektion steht die kognitive Deutung der körperlichen Schmerzen.

Sektionsleitung: Daniela Mondini (Mendrisio) / Vladimir Ivanovici (Brno)

Sektion 11b lädt dazu ein, den Einsatz von Schmerz aus einer Perspektive des Körpers zu betrachten. Anstatt Beispiele der Darstellung, Beschreibung oder Vorführung von menschlichem Leiden zu behandeln, sollten sich die Beiträge auf dessen Inszenierung konzentrieren. Von spätantiken Homilien, in denen jede Wunde an durch Pilgerfahrt und nächtliches Gebet körperlich erschöpften Zuhörern detailliert geschildert wird, über illuminierte Handschriften mit Leidensdarstellungen, die für spezifische private und öffentliche Rituale verwendet wurden, bis hin zur Teilnahme an Selbstgeißelungsprozessionen auf den Straßen mittelalterlicher spanischer Städte als emotionaler Höhepunkt der Fastenzeit am Gründonnerstag – all diese Praktiken bedurften einer sogfältigen Mise-en-scène und dienten dazu sicherzustellen, dass der Schmerz nicht nur ins Auge fiel, sondern bei den Zuschauern einen bleibenden Eindruck hinterließ (sich in den Körper einschrieb). Ebenso willkommen sind Beiträge, die den weltlichen Aspekt des Phänomens berücksichtigen, indem sie erörtern, wie Bilder von physischem Schmerz und Bestrafung zur Abschreckung von Kriminalität eingesetzt wurden – also die Verwendung der gleichen visuellen Strategie zur Abwehr und nicht zur empathischen Teilhabe.

Sektionsleitung: David Ganz / Sophie Schweinfurth (Zürich)

In allen Kulturen hat Wasser schon immer eine zentrale Rolle für das Wohlergehen und den Wohlstand von Gesellschaften gespielt. Gerade in Zeiten des Klimawandels und sich stetig steigernder Hitzerekorde ist der Wert des Wassers wieder vermehrt in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt. Auch das Mittelalter war sich der überragenden Bedeutung des Wassers als wertvolle Ressource bewusst.

Als eines der vier Elemente adressiert Wasser die gesamte menschliche Sinneswahrnehmung auf vielfältige Art und Weise: Sehen durch Farbe und Reflexion, Hören durch die Produktion unterschiedlicher Geräusche wie z. B. Plätschern oder Tröpfeln, Schmecken durch Trinken und Fühlen durch das Eintauchen des Körpers oder Schwimmen. Die Sektion will untersuchen, wie die sinnliche Erfahrung, die durch Wasser ausgelöst wird, in der Kunst des Mittelalters reflektiert wird. Dabei ist die Wahrnehmung von Wasser in mittelalterlichen Kulturen untrennbar mit einer Vielzahl symbolischer Inhalte verbunden. Da ist z. B. das lebensspendende Potential von Wasser, das die Vorstellung des Paradiesgartens, der von Flüssen durchzogen ist, in allen drei abrahamitischen Religionen geprägt hat. Weiter diente Wasser als wichtiges Medium beim Vollzug von Reinigungs- und Initiationsritualen. Zahlreiche mittelalterliche Legenden berichten von der heilenden Wirkmacht von heiligem Wasser, während die Inszenierung von Wasserreichtum durch Brunnen oder Wassergärten im Bereich der Herrschaftsrepräsentation ein wirkungsvolles Instrument der Machtdemonstration und der Markierung sozialer Unterschiede sein konnte. Gleichzeitig vermag Wasser aber auch Tod zu verursachen, etwa durch Ertrinken und Überfluten, wie es exemplarisch in der alttestamentlichen Sintfluterzählung verdichtet wird.

Die Sektion fragt danach, wie all diese verschiedenen Bedeutungsebenen die mittelalterlichen Darstellungen und Inszenierungen von Wasser referenziert haben. Dabei zielt die Sektion einer aktuellen Tendenz der kunsthistorischen Forschung folgend darauf ab, die Frage von Materialität um den Aspekt der mittelalterlichen Wahrnehmung von Materialität – in unserem Fall Wasser – zu erweitern. Der Call richtet sich ausdrücklich an Forschende zur Islamischen, Jüdischen, Westlichen, Byzantinischen etc. Kunstgeschichte, um ein möglichst breites Panorama der Darstellung und Inszenierung von Wasser in den unterschiedlichen Kulturen des Mittelalters zu entfalten.

Sektionsleitung: Andrea von Hülsen-Esch (Düsseldorf) / Tanja Michalsky (Rom) / Julia Trinkert (Düsseldorf) / Gerhard Weilandt (Greifswald)

3D-Digitalisierungsprojekte in der historischen Stadtraumforschung (z. B. Naples Digital Archive / MPI für Kunstgeschichte, Rom oder das Verbundprojekt TOPORAZ und TRANS-RAZ an der Universität Greifswald, Universität Köln, TU Darmstadt, FIZ Karlsruhe) und Denkmalpflege (z. B. das virtuelle Rekonstruktionsprojekt Der Kölner Ratsbezirk um 1600; TU Darmstadt und HHU Düsseldorf) sowie bei der Erforschung von Objekten (z. B. das Projekt Cenobium, MPI für Kunstgeschichte, Florenz) zeigen, dass die digitale Darstellung von Stadttopographien, Objekten und Räumen als ernstzunehmendes, neuartiges Tool für die wissenschaftliche Forschung etabliert wird. Visualisiert werden die Materialität von Objekten und Trägern von Architektur und Kunst, Raumwirkungen sowie kontextuelle Bezüge. Komplexe topographische und binnentopographische Strukturen lassen sich so erheblich besser und präziser erfassen als das mit herkömmlichen Mitteln möglich war. Außerdem bieten virtuelle Modelle die Möglichkeit, Datenbanken zu integrieren, die umfassende Informationen zusammenführen.

Die große Herausforderung dabei ist, im Auge zu behalten, dass damit virtuelle Räume und Realitäten geschaffen werden, die in dieser Weise nicht existiert haben, da alle Rekon-struktionen die Vorannahmen und den Wissensstand einer Momentaufnahme des jetzigen Forschungsstandes spiegeln. Des Weiteren verführt die nahezu perfekte technische Umsetzung dazu anzunehmen, mit dem Instrument der digitalen Rekonstruktion ein überprüfbares Verfahren für die Richtigkeit oder ‚Wahrheit‘ von Forschungsergebnissen gefunden zu haben – vergleichbar den Messwerten und Diagrammen in den sog. exakten Wissenschaften.

Dennoch sind digitale Rekonstruktionen nicht nur grundlegend für die Weiterentwicklung der Konservierung und Restaurierung von Objekten und Architektur oder als zusätzliches ubiquitär verfügbares Anschauungsmaterial in der Forschung. Das Potential von digitalen Rekon-struktionen und Animationen über den Aspekt der anschaulichen Vermittlung an ein breiteres Publikum hinausgehend kann auch dazu genutzt werden, synästhetische Verhältnisse zu bestimmten Zeitpunkten zu erforschen: So könnte bspw. die visuelle und akustische Wirkung von Objekten in variierenden Zeit- und Raumverhältnissen simuliert werden, um damit das Wechselspiel von Objekten und Betrachter/innen zu erforschen und bis zu einem gewissen Grade die sinnliche Wahrnehmung der Betrachter/innen beschreibbar zu machen.

In der Sektion sollen innovative Ansätze komplexer Raum- und Objektforschung als Teil einer neu zu etablierenden Forschungsinfrastruktur vorgestellt werden. Beiträge im Rahmen dieser Sektion können bspw. die folgenden Fragestellungen aufgreifen: Inwiefern ist eine Annäherung an die synästhetische Wahrnehmung im Mittelalter erst durch digitale Rekonstruktionen möglich? In welcher Weise verschieben sich Interpretationsebenen von Räumen und Objekten durch eine Berücksichtigung ihrer sinnlichen (heutigen und historischen) Wahrnehmung? Welchen Einfluss haben Riten und Handlungen auf das (sinnliche) Erscheinungsbild von Räumen und Objekten? Welche Herausforderungen ergeben sich durch die spartenübergreifende Zusammenarbeit von Forscher/innen etwa in Bezug auf die spezifischen Fachsprachen und die davon abgeleiteten Thesauri? Wie kann die notwendige Zusammenarbeit zwischen Informatiker/innen und Geisteswissenschaftler/innen sinnvoll gestaltet werden? Welche Standards gibt es, und wo liegen die Defizite, die unbedingt ausgeglichen werden sollten?

Gesucht werden Beiträge, die 3D-Rekonstruktionen als Medium wissenschaftlicher, insbeson-dere transdisziplinärer Forschung nutzen. Wir brauchen belastbare Standards als Richtlinien für eine zukunftsorientierte Forschung. Dazu möchte diese Sektion einen Beitrag leisten.

Doppelsektion 14: Klang und Hören

Sektionsleitung: Antje Fehrmann (Hamburg) / Christian Freigang (Berlin)

Die Klangforschung ist seit mehreren Jahren ein innovatives Feld der interdisziplinären Erkundung synästhetisch bewirkter Sinnvermittlung, insbesondere in Bereichen von Liturgie und Ritual. Gesang, Musik und Glockenklang setzen sich hierbei akzentuiert von dem disparaten und lauten Geräuschpegel der mittelalterlichen Stadt ab. Sie kreieren und strukturieren zeitlich vorübergehende Klangräume, die das Innere wie den Außenbereich von Sakraltopographien hierarchisieren. Dabei werden die Klangemissionen in verschiedenster Weise räumlich architektonisch gerahmt, gelenkt und verstärkt bzw. durch andere Medien ergänzt und erläutert. Abschrankungen, Schallöffnungen, Turmgestaltungen, Bildprogramme sind einige dieser architektonisch-bildlichen Resonanzmedien, die eine wesentliche Sinnschicht erst durch eine solche synästhetische Aufladung erhalten. Diese Funktion als Tonemittenten betrifft etwa die räumliche Disposition von Choranlagen und Emporengeschossen, die Anlage mancher Gewölbe, die Ikonographie von Glockengeschossen usw.
Erwünscht sind Beiträge auf der Schnittstelle zwischen Architekturgeschichte, Musik- und Liturgiewissenschaften, welche die klangliche Performanz im Zusammenhang mit der Konstitution von sakral herausgehobenen Räumen untersuchen. Der Begriff Sakralbauten ist weit gefasst, schließt auch nicht-katholische Kirchen, Synagogen und Moscheen mit ein. Die Sektion ist auch offen für Fragen von akustischer und musikalischer Wahrnehmung und Diskursivierung, sofern dies mit Räumen und Bauten des Sakralen in Zusammenhang zu bringen ist.

Sektionsleitung: Rebecca Müller (Heidelberg) / Joanna Olchawa (Frankfurt am Main)

Adlerpulte, die einen Schrei ausstoßen, Skulpturen scheinbar lauschender Figuren an Pfeilern, Orgeln mit ‚Brezelmännern‘, welche Spottlieder singen und derbe Witze reißen – die Kunst des Mittelalters verbindet in ihrer multisensorischen Konzeption und Perzeption vor allem visuelle und akustische Dimensionen. Gerade in geschlossenen, sakralen Räumen wurden diese anspruchsvollen Automaten, aufwendig gestalteten Skulpturen und komplexen Instrumente wie auch Ausstattungselemente mit der Intention geschaffen, nicht nur Klang für die Strukturierung und Hierarchisierung der Rituale, Zeremonien und Feste zu erzeugen. Vielmehr thematisierten sie häufig das Hören selbst, als eine an die Anwesenden adressierte Aufforderung, sich über das Sehen hinaus verstärkt auf die akustische Erfahrbarkeit der Predigt, des Gesangs und des gesprochenen Wortes zu konzentrieren. Trivial ist das nicht. Denn das Hören sollte ein stärker körperliches Erlebnis der Liturgie ermöglichen, mnemotechnische Hilfen anbieten, um das Gedächtnis weiter auszubilden und handlungsleitend zu wirken. So sollte ‚Resonanz‘ auch im übertragenen Sinne erzeugt werden.
Die Sektion widmet sich vor dem Hintergrund der aktuellen Sound Studies, der lebendig geführten Debatten um Lautsphären und dem schon längst ausgerufenen ‚Auditory Turn‘ sowie der Begriffe der Auralität, des Hör-Wissens und natürlich der Audiovisualität, diesem Phänomen dezidiert in Hinblick auf die künstlerischen Erzeugnisse. Da sich der ephemere, damalige Klang und dementsprechend das kulturell geprägte, nie objektive Hören der historischen Rekonstruktion entziehen, wird Wert auf die Analyse sowie Diskussion der kulturellen Relevanz gerade anhand der erhaltenen Objekte und Skulpturen gelegt. Willkommen sind zudem auch Beiträge, die sich mit außereuropäischen Räumen beschäftigen, sich der digitalen Rekonstruktion auditiver Räume widmen oder auch Vorschläge, die über den Beitrag einer kunsthistorischen Mediävistik zu den Sound Studies reflektieren.

Sektionsleitung: Melis Avkiran / Ulrich Rehm (Bochum)

Inwiefern sind die Praktiken spätmittelalterlicher Religiosität vom haptischen Erlebnisvermögen geprägt? Welche Aussagen zum kinästhetischen Erfahrungsangebot lassen sich über die entsprechenden Artefakte, ihre Materialien und Gestaltungsformen treffen? Und, wie wurden diese künstlerisch reflektiert? Unter dieser Fragestellung lädt die Sektion zur Einsendung von Beiträgen über die Ästhetik des Tastens ein.

Die sensorische Anziehungskraft spätmittelalterlicher Devotionalien heben nicht zuletzt jüngste Fallstudien zur interaktiven Vermittlung von Objekten der materiellen Kultur mit sog. „Multi-Sensory Prayer Nuts“ hervor und belegen das Disziplinen übergreifende Interesse an der Erkenntnisvermittlung über die Sinne. So vereint der multisensorische Akt im Beten des Rosenkranzes haptisches Erleben mit auditiver Rezitation und kann zudem reizvolle visuelle und olfaktorische Aspekte bieten. Denken wir an Darstellungen des Rosenkranzes in Gemälden, ist der zeitliche Ablauf der haptischen Praxis aufgehoben und die dreidimensionale Erfahrbarkeit im Tasten entzogen. Gerade in diesem Zusammenhang können Gemälde allerdings ihre Fähigkeit herausstellen, Dreidimensionalität und haptische Erfahrbarkeit, eventuell auch die damit verbundene Zeitlichkeit zu evozieren. Die Annahme antiker Autoren, alle Sinne seien Modifikationen des Tastsinnes, spiegelt sich in Aristoteles‘ Sehstrahlentheorie wider. Die Idee, das Auge ‚erfasse‘ mittels eines ausgesendeten Sehstrahls seinen Wahr-nehmungsgegenstand, lässt sich unmittelbar mit künstlerischen Vorstößen, die materielle Beschaffenheit der Welt ins Bild zu übersetzen, verknüpfen. Wie sehr ist die Naturtreue im Detail, etwa eines Jan van Eyck, weniger ein Produkt visueller Mimesis als vielmehr Äquivalent einer haptischen Welterschließung?

Sektionsleitung: Jochen Hermann Vennebusch (Hamburg)

Schon aus der vorchristlichen Antike und ebenso aus biblischen Texten sind verschiedene Formen einer oft ritualisierten Berührung von Personen oder Objekten überliefert, mit denen z. B. Amtsübergabe, Heilsübertragung oder Ehrerbietung artikuliert werden konnten. Auf dieser Grundlage wurden Berührungsrituale zu einem konstitutiven Element christlicher Liturgie. Vor diesem Hintergrund geht die Sektion der Frage nach, ob und wie im Mittelalter Objekte und Geräte, die in Berührungsrituale involviert waren, auf verschiedene Formen der Berührung und deren Sinngebung abgestimmt waren. Zudem soll erörtert werden, wie sie oder auch ihr Kontext eine taktile Begegnung provozierten, negierten, steuerten oder abwehrten, darstellten und deuteten.

Bei zahlreichen sakral oder liturgisch genutzten Objekten des Mittelalters wurde die Berührung schon bei der Konzeption und Formgebung einkalkuliert. Mitunter waren hierfür praktische Gründe ausschlaggebend, vor allem aber wirkte sich das Bedürfnis der Gläubigen nach der heilsvermittelnden physischen Nähe und Berührung auf die Gestaltung der Objekte und auf ihre Gebrauchsweise aus. So konnten intendierte Kontaktstellen besonders herausgehoben werden, um eine haptische Verehrung und körperliche Teilhabe am Heiligen zu provozieren. Ein zentraler Aspekt hierbei ist die Materialität der Heiltümer und ihrer ‚Rahmung‘, die möglicherweise zu einer haptischen Sinnes- und Heilserfahrung einladen oder sie gleichermaßen abwehren konnte. Sofern der unmittelbare Zugang der Gläubigen zu den Objekten oder heilbringenden Orten eingeschränkt oder unterbunden war, bildeten sich oftmals Ersatzhandlungen und Substitutionsformen heraus, die zwar eine gewisse Nähe inszenierten und einen als taktil erfahrbaren Blick gewährten, doch keinen direkten Kontakt zum Bildwerk oder zur Reliquie zuließen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, auf welche Weise eine faktische Berührung kompensiert werden konnte und welche weiteren Objekte und Substitute in diesen Fällen zur haptischen Heilserfahrung genutzt wurden.

Sektionsleitung: Sara Kuehn (Aix-en-Provence / Tübingen)

Seit der Zeit des Propheten Muhammad wurde die sinnliche Erfahrung von physischen Relikten bzw. Reliquien und Artefakten des Propheten und seiner Anhänger in der islamischen Kultur kultiviert. Neben den verschiedenen ‚Spuren‘ (athar), die Muhammad hinterlassen hat, wie z. B. seine Haare, Nägel, Zähne, Kleidung, Sandalen, Utensilien, Ausrüstungsgegenstände, Waffen und vor allem Fußabdrücke, war die Huldigung vergleichbarer athar islamischer Heiliger ein integraler Bestandteil der mittelalterlichen islamischen Volksfrömmigkeit.

Solche Reliquien und Artefakte, die ihre Bedeutung aus der sensorischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Konsumpraktiken (Einnehmen, Berühren, Sehen, Riechen) ableiten, riefen körperliche und geistige sowie individuelle und gemeinschaftliche Sinneserfahrungen hervor. Dieses Panel soll die Auswirkungen und Folgen dieser religiösen Empfindungen beleuchten und Beiträge zusammenführen, die die sinnliche Dimension von athar des Propheten Muhammad und islamischer Heiliger im mittelalterlichen Islam untersuchen. Die Auseinandersetzung mit der Rolle dieser athar in den verschiedenen Formen, in denen die Sinne bei der Ausübung islamischer Frömmigkeit, wundersamen Heilungen, sozio-politischen Ereignissen und der Schaffung neuer Zentren der Sakralität instrumentalisiert wurden (und damit zur Erweiterung und Festlegung der territorialen Grenzen des Islam dienten), ermöglicht uns nicht nur den Zugang zu kontextuellen Atmosphären und menschlichen Darstellungen, sondern auch zu Handlungsmotivationen. Als Materialien, die direkt zu ihrer ‚Inszenierung’ beitrugen und durch sie konditioniert wurden, erlauben diese Zeichen spiritueller Macht und Autorität, mittelalterliche sunnitische und schiitische sensorische Erfahrungen über Zeit, Raum und Kulturen hinweg zu rekonstruieren. Die Exploration solch mächtiger Artefakte der Fürbitte und Transformation in verschiedenen kontextuellen Zusammenhängen kann einen weiteren Zugang zu einem multisensorischen Verständnis von prophetischen und heiligen Reliquien im mittelalterlichen Islam bieten. Diskussionen über diese ‚materiellen Vermittler‘ der menschlich-göttlichen Dyade an Wallfahrtsorten, die das Heilige zwischen den drei abrahamitischen Religionen ‚teilen‘ sowie kulturübergreifende Perspektiven sind besonders willkommen. Das Panel zielt ferner darauf ab, eine Diskussion darüber anzustoßen, wie Sinneserfahrungen mittelalterlicher islamischer Reliquien und Artefakte in einem zeitgenössischen Museumskontext erfasst und reproduziert werden können, um Einblicke in unterschiedliche Formen des Verstehens von Sinnen zu gewinnen, die als ‚wissensbildend‘ gelten.

 

Sektionsleitung: Sabine Feist (Halle) / Patricia Strohmaier (Düsseldorf)

Die sinnliche Erfahrung von Märtyrern war in der Frühzeit des Christentums Voraussetzung und fester Bestandteil ihrer Verehrung, wie schon der wahrscheinlich früheste überlieferte Martyriumsbericht über den Bischof Polykarp zeigt. Nach dessen Tod auf dem Scheiterhaufen sammelte die Gemeinde von Smyrna seine Gebeine ein, die sie für „wertvoller als kostbare Steine und schätzbarer als Gold“ erachtete und „an geeigneter Stelle beisetzen“ wollte. Von besonderem Interesse im Martyriumsbericht sind diese Passagen bezüglich des Umgangs mit dem Körper des Bischofs nach dessen Tod, sollte die Wertschätzung der körperlichen Überreste, der Reliquien, in den folgenden Jahrhunderten doch zentral für die Verehrung christlicher Heiliger werden. Denn mit der Religionsfreiheit konnten Christen ihren Glauben offen leben, wurden nicht mehr verfolgt oder gar für ihren Glauben getötet. Abgesehen von den vereinzelten, nur im Osten des Römischen Reiches anzutreffenden sogenannten Holy Men und den frühmittelalterlichen Missionaren an der Peripherie und außerhalb der Reichsgrenzen, konnten Heilige folglich nicht mehr, wie noch zur Zeit Polykarps, unmittelbar erlebt werden. An die Stelle des persönlichen Erlebens mussten somit andere Ebenen der Wahrnehmung treten, mussten neue Strategien der sensorischen Erfahrbarkeit von Märtyrern und Heiligen gefunden werden.

Eine Möglichkeit dafür fand man schnell in der aufwendigen Ausgestaltung und Zugänglichmachung von Heiligengräbern. In Rom etwa geschah das bereits seit konstantinischer Zeit, doch gilt als entscheidende Etappe für die Aufwertung und Inszenierung der verehrten Gräber das Pontifikat Damasus’ I. Ablesbar ist dessen Wirken an den vielen überlieferten Grabgedichten, die unter seiner Ägide an den Bestattungsorten der Märtyrer angebracht wurden. Zudem ließ der römische Bischof die Gräber architektonisch fassen, mit Bildern ausschmücken und veränderte die Lichtführung. Aus den Werken Gregors von Tours ist zu erfahren, dass Gräber wie das des heiligen Martin mit Marmorplatten, Schranken, Kerzen und Textilien visuell hervorgehoben waren. Kleriker wuschen die Gräber und verlasen dort die Vita der verehrten Person an ihrem Festtag. Pilgernde berührten und küssten die Gräber, weinten an ihnen, riefen die Heiligen an und streuten wohlriechende Kräuter aus.

Solche Einblicke, die uns archäologische Befunde wie auch Schriftquellen in die Inszenierung von Heiligen in Spätantike und Frühmittelalter gewähren, lassen ein multisensorisches Angebot um die verehrten Gräber erkennen, das nicht ausschließlich auf eine rein visuelle Stimulierung abzielte. In der Sektion soll dieses breite und vielfältige Spektrum sinnlicher Erfahrbarkeit von Heiligengräbern im Mittelpunkt stehen. Neben weiteren Aspekten sollen daher folgende Fragen angesprochen werden:

  • Wie werden Pilgernde in den Fällen, in denen ein Heiligengrab zugänglich ist, auf diesen besonderen Ort vorbereitet? Was verraten uns die archäologischen Befunde z. B. über gezielte Wegeleitung zu den Gräbern, Lichtinszenierung und (laut?) zu lesende Grabepigramme? Was erfahren wir dazu aus den frühen Pilgerberichten?
  • Gibt es weitere rekonstruierbare Elemente der Ausstattung von Heiligengräbern, z. B. Abdeckung mit Textilien, Aufstellung von Weihrauchgefäßen und Votivgaben, ephemere Inszenierungen zu besonderen Anlässen?
  • Wie wird die Ambivalenz von An- und Abwesenheit der oder des Heiligen im Grab sinnlich vermittelt?
  • Welche sensorischen Handlungen nehmen Gläubige an den Heiligengräbern vor?
  • Was geschieht in den Fällen, in denen Heiligengräber nicht sichtbar sind? Welche Strategien werden hier angewendet, um die oder den Heiligen sinnlich erfahrbar zu machen?
  • Wie werden die heiligen Überreste bei Translationen sinnlich inszeniert?

Sektionsleitung: Jacqueline Marie Lombard (Pittsburgh) / Luke A. Fidler (Chicago)

In machtvollen Netzwerken zirkulierend sind Münzen vor allem materielle und rituelle Objekte, die die fünf Sinne ansprechen und durch diese aktiviert werden. Mittelalterliche Beobachter behandelten zum Beispiel die optischen und haptischen Eigenschaften des Münzgeldes, wenn sie diese als specie authentifizierten. Klimpernde Pfennige begleiteten das Offertorium, Oboli wurden Leichnamen in den Mund gelegt und die mit einer spektakulären Metallproduktion verbundenen Münzstätten brachten vielerlei Gerüche und Geräusche hervor.

Kunsthistoriker/innen, Archäolog/innen, und Numismatiker/innen haben die Bedeutung von Münzen für Datierungsfragen schon seit langem erkannt und ihre Erscheinung sorgsam auf ikonografische und epigrafische Aspekte hin erforscht. Den jüngeren Forschungstendenzen der Numismatiker/innen folgend möchte diese Sektion jedoch mit Blick auf die materiellen und damit auch sinnlichen Qualitäten von Münzen folgende Frage diskutieren: Auf welche Weise haben die Eigenschaften der Objekte die wirtschaftlichen und sozialen Funktionen des Geldes verstärkt oder geschwächt? Wie wurden diese Funktionen durch konkrete körperliche Begegnungen mit Münzen aktiviert oder verändert? Wir sehen grundsätzlich die interdisziplinären Forschungsinteressen an mittelalterlichen Münzen im Vordergrund stehen und laden zu Vorschlägen ein, die sich mit den sinnlichen Eigenschaften und performativen Modi des Münzgelds beschäftigen. Mögliche Themen sind unter anderem:

  • Materialeigenschaften der Münzen (Farbe, Leitfähigkeit, Gewicht, usw.)
  • Reisen, Biografien und Transformationen bestimmter Münzen
  • Abstraktion, Entfremdung und Materialisierung der Arbeit
  • Beziehungen zwischen dem Wert und den sensorischen ‚Token‘
  • Rituelle und performative Verwendungen von Münzen (z. B. die wundertätigen Könige, im Begräbnisritual oder als Opfergaben)
  • Technische und konzeptuelle Veränderungen von Münzen durch Prozesse wie Biegen, Schneiden, Falten und Schmelzen
  • Metaphorische Verwendung von Münzen in fiktionalen Texten, Predigten und Vitae
  • Münzen als Orte des künstlerischen Experimentierens
  • Religiöse und soziale Grenzen, die dem Umgang mit Geld gesetzt werden.

(Diese Sektion findet innerhalb des Rahmenprogramms statt)

Sektionsleitung: Guido Faccani (Basel)

Die Feststellung, die Themen Datierung und Rekonstruktion spielten im Prozess der Bearbeitung von Befunden der Archäologie, Bauforschung, Kunstgeschichte und anderer historischer Forschungsdisziplinen gerade für das Frühmittelalter eine eminente Rolle, heißt ‚Wasser in den Main‘ tragen. Sie sind die Grundlagen für Kontextualisierung und funktionales Verständnis, für vergleichende Analysen und schlimmstenfalls Ausgangspunkte von Zirkelschlüssen. Es versteht sich in der kritischen Forschung seit je von selbst, dass zeitliche Ansätze und Ergänzungsvorschläge der einzelnen Disziplinen für sich erarbeitet und erst anschließend zu Auswertung und weitergehender Interpretation kombiniert werden dürfen. Doch ist das tatsächlich auch immer der Fall? Stehen die Disziplinen in ausreichend direktem Austausch? Sind die wechselseitige Wahrnehmung und das gegenseitige Verständnis der Disziplinen wirklich vorhanden?

Die Region um Frankfurt bietet eine Dichte an frühmittelalterlichen Bauwerken, an denen die genannten Forschungsanliegen thematisiert werden können. Bereits erforschte Objekte werden neu betrachtet, so z. B. St. Justinus in Höchst oder die Pfalz von Frankfurt. Langzeitprojekte wie die Forschungen zur Pfalz von Ingelheim sind immer wieder in Berichten der Grabungsequipe greifbar, die Bauplastik ist monographisch behandelt. In der laufenden Grabung in der Johanniskirche von Mainz werden ältere Ergebnisse durch neue Forschung ergänzt, berichtigt und die Stadtgeschichte um wesentliche Punkte bereichert, doch bestehen hier gravierende Lücken im architektonischen Bestand.

Bei den stellvertretend genannten Arbeiten besteht, wie sonst auch, der Anspruch, dass die vorgeschlagenen Rekonstruktionen nachvollzogen und Datierungen auf gesicherte Grundlagen zurückverfolgt werden können. Ist dem so? Wie weit darf ein Vorbericht bei der Auslegung von noch nicht aufgearbeiteten Befunden gehen? Wie wird es sinnvoll, überregionale technische und materielle Merkmale sich einander gewinnbringend gegenüberzustellen – oder geht das gar nicht? Sind Abläufe von Liturgie oder höfischem Zeremoniell im Archäologischen abzulesen? Was sagen uns Schriftquellen über Bauherren, deren Kunst-, Form- und Funktionswollen? Sind lineare Entwicklungen zu belegen, wo lassen sich Brüche feststellen?

Den Fragen soll anhand von Fallbeispielen aus karolingischer und ottonischer Zeit nachgegangen werden. Sakrale und profane Architektur, Bauplastik, Stuck und Baukeramik sollen dabei die Diskussionsgrundlagen liefern. Lücken sind dabei zu detektieren und zu benennen, Grenzen der Beweisführung zu ziehen. Der Rolle der (nicht mehr so) neuen Medien mit ihren virtuellen Räumen und Animationen sowie der naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen (AMS / C14 etc.) ist dabei ebenfalls nach Möglichkeit Raum zu geben.

 Call for Papers
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Deadline:
15. Oktober 2020